Sonntag, 18. Juni 2017

Die "Reinheit"

WB.freitagsblog (16.6.2017)

Wenn man die Berichte in den Zeitungen zu IS (»Islamischer Staat«) liest, dann geht es den Kämpfern für das Kalifat um die Wieder(?)-Herstellung des »reinen« Islam.

Das hat bei mir ein gewisses Grübeln über die Idee der Reinheit ausgelöst: Mir scheint, Reinheit ist eine der inhumansten und tödlichsten

Ideen, die — nicht nur im Moment, sondern im Laufe der Geschichte —

auf dem Markt sind und waren.

Sauberkeit und Unbeflecktheit (oder wie immer ein Zustand der Makellosigkeit genannt werden mag) ist eigentlich immer nur im Rahmen von
Abstraktionen möglich, dh es handelt sich um die Zuschreibung einer
Eigenschaft, die nur denkbar ist, aber nicht realisierbar.

Die Welt — und die Menschen in ihr — sind eigentlich immer schmutzig.
Wo Reinheit (und damit meine ich nicht primär das Reinheitsgebot
für deutsches Bier) gefordert wird, werden erfahrungsgemäß oft Katastrophen produziert.

Ethnische Säuberungen, Kriege um den reinen Glauben, Rassenreinheit,
Reinheit der Gefühle usw: all dies sind Beispiele dafür, dass totalitäre
Kontrollversuche, Unterwerfungsstrategien, ja Vernichtung (nichts
anderes verbirgt sich hinter den scheinbar harmlosen Vokabeln »Reinigung«, »Säuberung«) oÄ aus der Idee der Reinheit resultieren.

Höchste Zeit, mal eine PR-Kampagne für Schmutz, Schleim, Sabber, Blut
und Flecken aller Art zu starten — denn das ist es, woraus Menschen gemacht sind. 

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FRITZ B. SIMON ‚
Dieser Text stammt aus »Simons Systemische Kehrwoche, dem stets lesenswerten Blog
von Fritz B. Simon, der auf der Verlagswebsite http://wwm.carl-auer.de erscheint.