Montag, 12. November 2012

Zur Kritik des Privateigentums I


Seit mehr als 6 Jahren besitze ich kein eigenes Auto mehr; ich fahre fast ausschließlich — und wirklich gerne — mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Ein sehr oft benutzter Umsteigepunkt ist für mich die Pilgrambrücke im 5. Wiener Gemeindebezirk. Auf engem Raum befinden sich hier fünf Verkaufstände für Essen & Trinken verschiedener Art. Während des Wartens auf den Bus sehe ich streunende Katzen und Hunde umherschnüffeln, aufnehmen und essen, wenn sie etwas Genießbares finden, ihre Ausscheidungen hinterlassen. Ab und zu huscht, eher abends, auch mal eine Ratte vorbei mit Essensresten im Maul. Unter mir, im Bett des Wienfluss-Kanals kreisen Möwen auf der Suche nach Nahrung und finden sie auch reichlich.

Diese Vorgänge finden wir Menschen ganz natürlich und denken nicht weiter darüber nach. Wieso auch, alle Lebewesen in der Natur verhalten sich schließlich so: nehmen sich, was sie brauchen und wollen, lassen liegen, was sie nicht mehr benötigen oder benützen. Auch ihre Bauwerke und andere Schöpfungen geben sie einfach an die Allgemeinheit weiter: Biber bauen jedes Jahr neu Dämme, viele Spinnen weben täglich ein neues Netz, Füchse und Dachse geben ihre Höhlen auf und ziehen weiter.

Aber nicht alle Lebewesen verhalten sich so, der Mensch macht es anders: er hat das Privateigentum erfunden.

Eigentum bezeichnet das umfassendste Herrschaftsrecht, das die Rechtsordnung an einer Sache zulässt. Mehr Herrschaft über eine Sache kann man nicht haben. Folgerichtig: alle Menschen außer dem Eigentümer haben die wenigstmögliche Form von Herrschaftsrecht an dieser Sache, also keines. Und da dieses Herrschaftsrecht nicht zeitlich begrenzt ist, kann ein Eigentümer sein Eigentum, wenn er es will, bis in Ewigkeit anderen Menschen entziehen.

Privateigentum ist Diebstahl” sagt deshalb Pierre-Joseph Proudhon (französischer Ökonom und Soziologe, 1809-1865), vor ihm schon Jacques-Pierre Brissot de Warville, genannt Brissot (Publizist und Journalist, 1754-1793) deutlicher: «La propriété exclusive est un vol dans sa nature.» (Das Privateigentum ist Gewalt an der Natur) und noch früher Basilius von Caesarea (Asket, Bischof, Kirchenlehrer und einer der bedeutendster Kirchenmänner überhaupt, 4. Jhdt): «klopê gar hê idiazousa ktêsis» (Diebstahl ist der eigentümliche Erwerb).

Diese exklusive Idee des Frühzeit-Menschen (man weiß bis heute nicht, wann, wo, wie und, vor allem, warum sie entstanden ist) benötigt eine große Menge an zusätzlichen Erfindungen, sonst würde sie garnicht funktionieren. Die wichtigsten sind der Eigentumserwerb und der Eigentumsübergang, im Rechtssystem originärer und derivativer Eigentumserwerb genannt.

Derivativ Eigentum erwerben kann man nur von einem sog fehlerfreien Vormann, also von einem anderen Eigentümer. Damit ergibt sich logisch aber eine Rückwärts-Reihenprogression, weil irgendwann ist jedwedes Eigentum einmal Nicht-Eigentum irgendeines Menschen gewesen. Um diese der Idee des Privateigentum inhärente Schwierigkeit zu lösen ist der originäre Eigentumserwerb notwendig: man kann sich einfach etwas nehmen, was irgendwo rumliegt (Strandgut, Müll, «herrenloses» Gut, Berge, Flüsse, Inseln, Tiere) und laut und vernehmlich verkünden, das sei ab jetzt das eigene Eigentum, bei Land zB einzäunen.

Der Diebstahlscharakter wird da ganz deutlich sichtbar: bisher hat das Gut, das Land, das Ding allen gedient, ab jetzt nur mehr dem sog "Eigentümer".

Vielen Naturvölkern — noch mit der Natur verbundenen Völkern  ist daher die Idee des Privateigentums völlig unverständlich  verständlicherweise.