Samstag, 24. Juni 2017

Stärke und Schwäche!

In meiner Jugend war es üblich, dass man Schwäche und Nachgiebigkeit als Mangel, ja gar als Defekt empfand. Ich bin 1952 geboren, zu einer Zeit, da Frauen ihre Männer um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie selbst arbeiten gehen wollten und wenn es dem Ehemann nicht passte, dann konnte er sie, ohne sie zu fragen, auch wieder bei der Arbeit abmelden.
Naja, das war damals, im Mittelalter halt.
Heute habe ich einen Kinderfilm gesehen, in Holland gemacht, nach einem Buch ebenfalls in Holland geschrieben. Und hier geht es wieder um diese Themen: Stärke ist gut, Schwäche ich schlecht, Eifersucht und "man kann / darf nur einen Liebespartner haben" ist ganz normal und die Frauen bevorzugen den Starken und verachten den Schwachen.
Naja, ebenfalls Mittelalter, habe ich mir gedacht, oder sogar noch älter.
Dann habe ich ein bisschen recherchiert und fand heraus: Das Buch wurde 2002 geschrieben, der Film wurde 2005 gedreht, also beides schon in diesem Jahrtausend! Zudem hat der Film auch noch zwei internationale Preise bekommen auf zwei verschiedenen Kinderfilm-Festivals, 2006 und 2007!
Meiner Tochter, sie ist jetzt 46 Jahre alt, habe ich als Kind gesagt, wenn sie mich gefragt hat, warum verschiedene Menschen solche Sachen tun oder sagen oder glauben, ich sagte zu ihr, das seien Leute, die glaubten das noch so von früher her, aber das werde sich bald aufhören. Vor gar nicht langer Zeit sagte sie zu mir, dass sie mir das damals geglaubt habe, aber jetzt sei es immer noch so, 40 Jahre später.
Was soll man dazu sagen? Jedenfalls sollten vielleicht diejenigen Menschen, die daran glauben, dass in nächster Zeit ein essenzieller gesellschaftlicher Wandel zu mehr Sozialität und Verstand, zu mehr Miteinander und Verantwortlichkeit, zu UBUNTU eben, einträte, ihre Zeitschätzungen dafür mal etwas relativieren.
Ich persönlich glaube nicht, dass es deutlich kürzer dauern wird als ca 20.000 Jahre.
Wenn das überhaupt reicht...

Montag, 19. Juni 2017

Sonntag, 18. Juni 2017

Die "Reinheit"

WB.freitagsblog (16.6.2017)

Wenn man die Berichte in den Zeitungen zu IS (»Islamischer Staat«) liest, dann geht es den Kämpfern für das Kalifat um die Wieder(?)-Herstellung des »reinen« Islam.

Das hat bei mir ein gewisses Grübeln über die Idee der Reinheit ausgelöst: Mir scheint, Reinheit ist eine der inhumansten und tödlichsten

Ideen, die — nicht nur im Moment, sondern im Laufe der Geschichte —

auf dem Markt sind und waren.

Sauberkeit und Unbeflecktheit (oder wie immer ein Zustand der Makellosigkeit genannt werden mag) ist eigentlich immer nur im Rahmen von
Abstraktionen möglich, dh es handelt sich um die Zuschreibung einer
Eigenschaft, die nur denkbar ist, aber nicht realisierbar.

Die Welt — und die Menschen in ihr — sind eigentlich immer schmutzig.
Wo Reinheit (und damit meine ich nicht primär das Reinheitsgebot
für deutsches Bier) gefordert wird, werden erfahrungsgemäß oft Katastrophen produziert.

Ethnische Säuberungen, Kriege um den reinen Glauben, Rassenreinheit,
Reinheit der Gefühle usw: all dies sind Beispiele dafür, dass totalitäre
Kontrollversuche, Unterwerfungsstrategien, ja Vernichtung (nichts
anderes verbirgt sich hinter den scheinbar harmlosen Vokabeln »Reinigung«, »Säuberung«) oÄ aus der Idee der Reinheit resultieren.

Höchste Zeit, mal eine PR-Kampagne für Schmutz, Schleim, Sabber, Blut
und Flecken aller Art zu starten — denn das ist es, woraus Menschen gemacht sind. 

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FRITZ B. SIMON ‚
Dieser Text stammt aus »Simons Systemische Kehrwoche, dem stets lesenswerten Blog
von Fritz B. Simon, der auf der Verlagswebsite http://wwm.carl-auer.de erscheint.

"halbleer"!

WB.freitagsblog (9.6.2017)

"Es kommt nichts besseres nach", das hat schon meine Mutter gewusst und sie hat es von ihrer Mutter gehört und diese wiederum...

Dabei ist es schlicht nicht wahr: 1850 war der Anteil der Armen  gleich oder weniger als die Kaufkraft von 1 € /Tag) in Europa durchschnittlich bei fast 80%, heute sind es 18%. Die Kriminalitätsraten sinken hier von Jahr zu Jahr, trotzdem haben Menschen mehr & mehr Angst, wovor?

Bei jeder neuen Erfindung wird sofort davon gesprochen, was das jetzt wieder für neue Gefahren bringt. Ich bin alt genug, damit ich mich noch an die Hysterie erinnern kann, als Mikrowellenöfen erfunden wurden. Heutzutage hat praktisch jedes Restaurant einen. Die e-Card ist angeblich total gefährlich und braucht eigene Gesetze. Das führt dazu, dass, wenn ich als Diabetiker auf der Straße ohnmächtig werde, und es gibt keinen Funkempfang zur Zentrale, auch die Rettungsmannschaften weder von meiner Erkrankung wissen noch meine Blutgruppe kennen. Das kann schlimmstenfalls meinen Tod bedeuten.

Was ist so schlimm daran, wenn alle alles wissen? Wieso gelingt es uns nicht, auch die Möglichkeiten zu sehen, die meistens größer sind als die Risiken? Warum schauen wir immer zur negativen Seite hin? Manche Menschen sagen mir, damit man nicht enttäuscht werden kann. Aber das stimmt nicht: wenn wirklich mal ein Missbrauch passiert, fühlt man sich trotzdem enttäuscht.
Ist das wirklich ein Erfolgsrezept, sich ständig in der latenten Enttäuschung zu halten, damit dann der Unterschied nicht so spürbar ist? Vielleicht könnten mögliche Enttäuschungen und negative Erlebnisse viel besser handhabbar erlebt werden, wenn man normalerweise ein frohes und entdeckungsreiches Leben lebt! Kinder werden, insbesondere am Anfang ihres Lebens, praktisch dauernd mit ihren eigenen Misserfolgen konfrontiert. Dann weinen sie und suchen Trost. Un dann rennen sie wieder los, zum unvermeidbaren nächsten Scheitern.

Vielleicht können wir deshalb nicht mehr erfreut & wissbegierig & ein bisschen riskant leben, weil wir uns nicht gestatten, bei negativen Erlebnissen aus tiefster Seele zu heulen, zu weinen und uns trösten zu lassen.